500 Kilometer Ultralauf durch Thailand mit Krystian Pietrzak – Mein Geburtstag im Dschungel
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| (Foto: Original von Krystian Pietrzak und @Naden81 / Den Mahachaiyasit Copyright) |
Einleitung
Ultrarunner Krystian Pietrzak (43) ist seit 14 Jahren mit
Leidenschaft in dieser Extremsportart beheimatet. Er setzt seine mentale Stärke
in diesen langen und komplexen Läufen, über Stock und Stein, gezielt ein. Er ist schon bei über 80
internationalen Ultratrails gelaufen und bewältigt Distanzen von 50 bis 500
km am Stück, teilweise bis zu mehreren Tagen und schläft nur während der Läufe
für wenige Stunden. Beim Projekt Swiss 500 2022 hat er direkt 2 Ultraläufe zusammengelegt und war
der einzige Starter mit der Startnummer 500, die er sich dauerhaft als
personalisierte Startnummer gesichert hat.
Link: Instagram (@ginger_ultra) – Scan me!
In diesem Blogartikel liest du die neuesten Infos über seinen
letzten Ultralauf 500 in Thailand, den er auch in diesem Herbst bereits
wiederholen möchte. Du hast Interesse an mehr Informationen, dann kannst du Krystian unter @ginger_ultra (Instagram) kontaktieren.
520 Kilometer. 24.000 Höhenmeter. 7 Tage.
Und das alles begann an meinem Geburtstag –
mitten im Dschungel von Nordthailand. Am 11. Januar stand ich nicht vor einer
Geburtstagstorte, umgeben von Familie und Kerzenlicht. Stattdessen stand ich an
der Startlinie eines der härtesten Ultraläufe meines Lebens: 500 Thailand.
Die Luft war
schwer und feucht, der Dschungel lebte und atmete um mich herum. Schon vor dem
Start war mir klar: Dieses Rennen würde kein gewöhnlicher Lauf werden. Es war
eine Herausforderung, die weit über Kilometer und Höhenmeter hinausging.
Ein Rennen,
das mich nicht nur körperlich, sondern vor allem mental an meine Grenzen
bringen sollte.
Der Start:
Chaos, Adrenalin und Fokus
Der Tag
begann alles andere als entspannt. Der Jetlag hing mir noch in den Knochen, die
Nacht war zu kurz, der Kopf irgendwo zwischen zwei Zeitzonen. Dazu dieser
unterschwellige Druck, rechtzeitig am Start zu stehen – und genau der wurde
plötzlich real. Die Zeit lief mir davon. Jeder Blick auf die Uhr ließ den Puls
ein Stück höher steigen. Zeitdruck, schnelle Handgriffe und verschiedene Gedanken,
die sich überschlugen. Habe ich alles? Passt die Ausrüstung? Noch ein letzter
Check – oder einfach los?
Am Ende
blieb keine Zeit mehr für die übliche Vorstartroutine. Ich kam buchstäblich in
letzter Sekunde an. Kein ruhiges Einrollen, kein mentaler Countdown, kein
idealer Startmoment. Stattdessen: rein ins Geschehen, direkt im Puls des
Rennens. Kein perfekter Beginn, aber vielleicht genau der richtige. Denn bei
520 Kilometern zählt nicht der perfekte Start. Es zählt nicht, wie geschniegelt
und kontrolliert die ersten Minuten sind. Es zählt, was danach kommt. Wie du
dich fängst. Wie du reagierst, wenn es eben nicht nach Plan läuft.
Mein Mantra
von Anfang an war klar:
Langsam starten, geduldig bleiben…
Und genau
das wurde in diesem Moment zur eigentlichen Herausforderung. Denn alles in mir
wollte das Gegenteil. Das Adrenalin schoss durch den Körper, die Energie der
anderen war greifbar. Räder surrten, Beine traten, das Feld zog nach vorne. Es
wäre so leicht gewesen, sich einfach mitreißen zu lassen.
Aber ich
wusste: Das hier ist kein Sprint. Kein Rennen, das in der ersten Stunde
entschieden wird. Es ist ein Spiel mit Zeit, mit Energie, mit dem eigenen Kopf.
Also zwang ich mich bewusst zur Ruhe. Nicht für einen schnellen Start, sondern
für ein starkes Finish. Kilometer für Kilometer begann sich alles zu sortieren.
Die Atmung wurde gleichmäßiger, die Bewegungen ruhiger. Das anfängliche Chaos
wich langsam einer klaren Linie. Ich fand meinen Rhythmus – diesen
gleichmäßigen, fast meditativen Tritt, der bei langen Distanzen alles ist. Das
Adrenalin ebbte ab. Der Kopf wurde klarer. Gedanken wurden ruhiger,
strukturierter. Plötzlich war da nicht mehr nur Hektik, sondern Fokus. Nicht
mehr nur Reaktion, sondern Kontrolle.
Aus Chaos
wurde Struktur.
Aus Stress wurde Fokus.
Und genau
darin lag die eigentliche Stärke dieses Starts. Er war nicht perfekt – aber er
hat mich gezwungen, sofort bei mir zu sein. Wach, präsent und konzentriert auf
das Wesentliche. Der Tag hatte wild begonnen. Unruhig, ungeplant, intensiv. Aber
vielleicht brauchte es genau das, um mich wachzurütteln – und mich genau
dorthin zu bringen, wo ich sein musste, in meinen eigenen Rhythmus.
Der Rhythmus
eines Ultras
Nordthailand
zeigte sich von seiner härtesten Seite: dichte Dschungelpfade, staubtrockene
Felder und unzählige steile Serpentinen, keine flachen Abschnitte, keine
Erholung. Ich blieb bei mir, obwohl ich keinen Vergleich hatte und ich konnte
mit niemandem mitziehen. Jeder Schritt war kontrolliert, jeder Kilometer ein
Teil meines Plans – und ich wusste, es wird einfach weitergehen. Jeder Kilometer
war ein Teil meiner Strategie: Durchhalten bis zum Ende!
Die erste
Nacht – und fünf Flussüberquerungen
„Im Ultra gewinnt nicht der Schnellste, sondern der, der klüger
entscheidet.“
(Krystian Prietrzak)
Bereits in der ersten Nacht wartete
eine scheinbar einfache Herausforderung auf mich: ein Fluss, ein zweiter Fluss
und ein weiterer, dachte ich, doch am Ende stellte sich heraus, dass es nur ein
Fluss war, den ich fünfmal überquerte. Fünfmal musste ich anhalten, um Schuhe
und Socken auszuziehen, barfuß durch das Wasser zu gehen, und um alles wieder
anzuziehen. Ich fühlte meinen Zeitverlust, war frustriert und drückte
aufkommende negative Gedanken so gut wie möglich weg, um mich positiv auf den
nächsten Abschnitt zu fokussieren. Mir war bewusst, dass im Ultra nicht der
Schnellste gewinnt, sondern der der Klügere den Lauf entscheidet.
Ein Fehler,
der alles hätte beenden können
Bei Kilometer 112 passierte mir ein
fataler Fehler. Ich ließ meine Ersatz-Stirnlampe im Drop-Bag Station zurück.
Ein paar Stunden später würde es dunkel sein. Meine Hauptlampe flackerte und
ging aus. Ich hatte kein Licht mehr, der Weg verschwand vor meinen Augen und
der Dschungel lag vor mir. Der härteste Abschnitt lag
Doi Jik Jong –
1000 Höhenmeter im Dunkeln
Der härteste Abschnitt des Rennens
wartete genau in diesem Moment. Es wurde steil, technisch und gefährlich. Ich
improvisierte, indem ich mein Handylicht anknipste, um das Gelände zu scannen,
ließ das Licht ausgehen, um dann wieder ein paar Schritte zu gehen. Diesen
Prozess wiederholte ich und arbeitete mich in dieser Art Meter für Meter
vorwärts. Ich stürzte mehrmals, hatte hier und dort die ersten Kratzer, blutige
Stellen und mein Körper meldete erste Schmerzen. Ich blieb in Bewegung.
„Im Ultra geht
es nicht darum, Fehler zu vermeiden. Es geht darum, wie du reagierst, wenn sie
passieren.“
(Krystian
Prietrzak)
Hitze, Staub
und die langsame Erschöpfung
Tagsüber kämpfte ich mit 30 Grad
tropischer Hitze, trockenem Staub in Augen und Lunge, mit Sand in den Schuhen
und permanente Dehydrierung. Ich spürte nicht den einzelnen harten Moment, sondern
die Summe tausender kleiner Belastungen. Ich ließ mehrfach Autofahrer weiterfahren, die stoppten, um mir
spontan zu helfen. Das Angebot schien verlockend, aber es entsprach nicht der
Regel. Ich erinnerte mich daran, warum ich hier war.
Schlafentzug
und Halluzinationen
Nach zwei Tagen begann der Kopf,
mit den unterschiedlichsten Gedankenspielen. Ich sah Restaurants, die ersehnte
Verpflegungsstationen darstellten. Die Scheinwerfer eines Scooters verwechselte
ich mit dem Objektiv eines Fotografen und ich sah Schatten, die sich bewegten,
aber eigentlich nicht existierten. Nachts wurde das wahrnehmbare Geschehen
immer intensiver. Geräusche im Dschungel fühlten sich real an. Jeder Schatten
konnte Gefahr bedeuten. Mein Körper war müde, der Kopf versuchte zu überleben.
Rivalität wird
Gemeinschaft
Ein besonderer Teil des Rennens war
mein Duell mit Chanil, einem Läufer aus Thailand. Am Anfang waren wir noch Konkurrenten
und später fast Teamkollegen. Wir liefen gemeinsam durch die Nacht, teilten
Müdigkeit, Orientierung und Stille. Und dann kam einer der stärksten Momente
des Rennens: Meine Uhr versagte, Verzweiflung machte sich breit, doch dann gab
mir ein anderer Läufer, der vorher bereits ausgeschieden war, seine Uhr mit
Navigation. Ein wahrhaft selbstloser Akt, der mir neuen Antrieb verlieh. Ich
freute mich sehr und ja, und es war ein beweis, dass im Ultralauf, Konkurrenz
und Menschlichkeit nebeneinander existieren können.
Die letzten
Kilometer
Nach fast sechs Tagen wusste ich,
das Platz zwei sicher ist. Aber Aufgeben
war für mich keine Option. Sollte ich besser das Tempo rausnehmen? Ich lief die
letzten Kilometer mit allen physischen und mentalen Kräften, die noch übrig waren.
Meine vielfältigen Arten von Schmerzen konnte ich nur noch im Hintergrund
wahrnehmen.
Der
Zieleinlauf
Nach 146 Stunden und 9 Minuten
überquerte ich die Ziellinie. Ich wurde Zweiter im Ultralauf 500 Thailand. Ich
fühlte keine Euphorie und keinen Jubel, aber eine unendliche Erleichterung,
tief und still in meinem Körper und meiner Seele.
Was bleibt
Dieser Ultralauf war mehr als nur
ein Wettbewerb. Er war eine Reise durch extreme Landschaften, ein Kampf gegen
Müdigkeit und Hitze, meine Lektion in Geduld und Anpassung und ein starker Blick
nach innen, ganz ohne Geburtstagsfeier und ich fand heraus, wer ich bin, wenn
alles andere wegfällt.
Fazit
500 Thailand ist kein Rennen, das
dich brechen will. Es zeigt dir, wer du bist, wenn der Plan nicht mehr
funktioniert, wenn dein Körper ermüdet und dein Kopf weiter funktionieren muss,
und genau deshalb war es der perfekte Start in ein neues Lebensjahr mit neuen
Plänen für weitere Ultras und mit spannenden Herausforderungen.
Du möchtest Krystian Pietrzak für
weitere Artikel oder Vorträge über seine Ultraläufe kontaktieren? Dann schreib
gerne dein Anliegen oder deine Fragen an die folgenden Kontaktdaten von
Krystian Pietrzak:
Mobil: 0170/9978407
oder E-Mail: ginger.ultra@gmail.com
Vielen Dank,
lieber Krystian, dass du uns, dem Team, deine Erlebnisse geschildert hast und
wir wünschen dir für alle weiteren Ultraläufe alles Gute.
Bei der
Erstellung des Blogartikels haben mitgewirkt: (Grit Moschke, Josephine
Esterhues, Anna Scornia)
Köln, am 23.3.2026


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